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14:0014:30 14. Nov 2018 zu iCal hinzufügen MEDICA TECH FORUM

Klinische Bewertung und Prüfung von Medizinprodukten unter der MDR

Session Regulatorisches und praktische Lösungen

Klinische Bewertung und klinische Prüfung sind seit der ersten Auflage der Medical Device Directive (MDD) aus dem Jahr 1993 Grundlage der Konformitätsbewertung von Medizinprodukten. Mit der Änderung 2007 wurden die Anforderungen an klinische Bewertungen verschärft, da die Untersuchung der Anwendung der klinischen Bewertung bei den Herstellern Defizite zu Tage förderte. Die begleitenden, rechtlich nicht verbindlichen, Guidance-Dokumente zur Durchführung einer klinischen Bewertung der Reihe MEDDEV 2.7.1 in den Revisionen 3 (2009) und 4 (2016) sollen den Herstellern und den Benannten Stellen als Interpretationshilfe dienen und die Ergebnisse der klinischen Bewertungen auch vereinheitlichen. Ein Effekt einer solchen Standardisierung wäre aus Sicht der Benannten Stellen wünschenswert (und sie haben an der Erstellung der Dokumente jeweils mitgearbeitet), um Audits leichter durchführen zu können, und aus Herstellersicht eine größere Verlässlichkeit bezüglich der Ergebnisse der Prüfung der klinischen Bewertungen durch die Benannten Stellen und in Audits.

Die Vorschriften zur klinischen Prüfung wurden – verglichen mit den Änderungen bei den klinischen Bewertungen – wenig verändert.

Aus dem Übergang von einer Europäischen Richtlinie zu einer Europäischen Verordnung (Medical Device Regulation, MDR) ergaben sich erwartungsgemäß ein erheblich gesteigerten Umfang und eine deutlichen Änderung der Detailtiefe. So wird neben den Zielen auch die Umsetzung an vielen Stellen beschrieben, die bei der MDD den Guidance-Dokumenten der MEDDEV-Reihe und der nationalen Umsetzung überlassen wurde. Hier sei für Deutschland exemplarisch die Verordnung über klinische Prüfungen von Medizinprodukten (MPKPV) genannt. Harmonisierte Europäische Normen wie die ISO 14155-2012 (Klinische Prüfung von Medizinprodukten an Menschen - Gute klinische Praxis) ergänzten die Anforderungen an die Hersteller, um die Angaben, die zur korrekten Umsetzung der MDD erforderlich waren.

Durch die MDR ist die Situation der Hersteller und auch der Benannten Stellen bei der Vorbereitung der zukünftigen Durchführung von klinischen Bewertungen und klinischen Prüfungen dadurch schwieriger geworden, dass die MDR zwar gegenüber der MDD an Detailtiefe zugenommen hat, aber gegenüber der Summe der früher vorhandenen Dokumente öfter abstrakt bleibt. Ob eine konkrete Erstellung einer klinischen Bewertung durch den Hersteller von einer Benannten Stelle als konform angesehen wird, lässt sich heute noch nicht beurteilen. Ebenso gilt dies für einen Antrag für eine klinische Prüfung bei einer Ethikkommission oder beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). In der MDR sind an vielen Stellen Ermächtigungen durch Durchführungsrechtsakte und gemeinsame Spezifikationen vorgesehen, die einer genaueren Beschreibung dienen sollen, aber bisher noch nicht erschienen sind.

Generell lässt sich sagen, dass die Anforderungen zur klinischen Bewertung in der MDR dem Weg folgen, der durch die Revision 4 der MEDDEV 2.7.1 eingeschlagen wurde. Ebenso bilden die Anforderungen zur klinischen Prüfung den Stand der guten klinischen Praxis ab, der international in der ISO 14155-2011 beschrieben wurde.

Die Anforderungen der MDR lassen in der Gesamtschau eine Fokussierung auf therapeutische Produkte der Klasse III erkennen und dort zu einer Verschärfung der Anforderungen. Dies zeigt die Einführung des Scrutiny-Verfahrens, der Pflicht zur Veröffentlichung vieler Daten via EUDAMED, der starken Erweiterung zur Durchführung von klinischen Prüfungen, der Einschränkung der Nutzung von Daten äquivalenter Produkte bis hin zur Verpflichtung zum vertraglich zugesicherten Einsichtsrechte in die Daten anderer Hersteller, falls dessen klinische Daten als die eines äquivalenten Produktes herangezogen werden.

Dadurch hat sich die Situation vieler Hersteller von Produkten mit niedrigeren Risikoklassen verschlechtert, da die Anwendung dieser Anforderungen an ihre Produkte komplizierter wurde und mehr – angreifbare- Interpretationen des Textes der MDR erfordern. Durch die Änderung der Anforderungen an Zubehör verändern sich auch die Anforderungen an das Zubehör für Zubehör, etwa Reinigungsmittel, die unter der MDD nicht erfasst waren, jetzt aber dazugehören. Damit unterliegen sie Nachweispflichten mit klinischen Daten, die vorher nicht bestanden.

Die Anforderungen an die Planung von klinischen Bewertungen wurden durch die Aufnahme dieser Planung in den Anhang XIV der MDR in ihrer Umsetzung verpflichtender geregelt als sich aus der MDD in Verbindung mit der MEDDEV 2.7.1 Rev. 4 ergab. Auch hier führt die –unausgesprochene - Ausrichtung auf Klasse III Produkte zu Schwierigkeiten bei nicht-therapeutischen Produkte bei der Definition des klinischen Nutzens und Parametern für die klinischen Ergebnisse.

Auch hat die Übernahme von Anforderungen aus den Normen zur klinischen Prüfung u.a. im Anhang XV und zum Risikomanagement im Anhang II statt einer Aufnahme als harmonisierte Norm dazu geführt, dass zukünftige Weiterentwicklungen dieser Normen zu Abweichungen vom Text der MDR führen werden.

Die schon in MEDDEV 2.7.1 Rev. 4 aufscheinende Vermischung der Aufgaben von klinischer Bewertung und Risikomanagement ist mit den dort zu erkennenden Schwächen fortgeschrieben. Die Durchführung eines zweiten Risikomanagements innerhalb der klinischen Bewertung ohne die Festlegung von Kriterien für Risikoakzeptanz durch das oberste Management des Herstellers (EN ISO 14971-2012) wird fast zwangsläufig zu inkonsistenten Ergebnissen führen.

Neu kam in der MDR dazu, dass Studien am Menschen erwähnt werden, die keine klinischen Prüfungen zum Nachweis von Sicherheit und /oder Leistungsfähigkeit sind, first-in-man genannt. Weiterhin kommen jetzt auch Studien im Text der MDR vor, die ebenso wie alle Studien, die als sonstige klinische Prüfungen im Artikel 82 aufgeführt sind, die eben nicht dem zuvor genannten Nachweisen dienen. Diese können national geregelt werden und müssen interpretiert werden, welcher Art denn solche Studien sein könnten. Das Bundesministerium für Gesundheit will dazu in der Neufassung des Medizinproduktegesetzes Aussagen treffen und hat sich dazu mit den Interessenvertretern in der Untergruppe Klinische Bewertung und klinische Prüfung des Nationalen Komitees zur Umsetzung der Medizinprodukteverordnung (NAKI) ausgetauscht. Ob dadurch der Zugang von Herstellern zum Patienten mit Produkten in frühen Phasen des Entwicklungszyklus auf eine verlässliche Rechtsbasis gestellt wird, kann zurzeit noch nicht beurteilt werden.

Abschließend lass sich sagen, das durch die MDR bei klinischen Bewertungen und klinischen Prüfungen nicht alles anders geworden ist, aber vieles schwieriger.